Religiöser Pluralismus Und Deutungsmacht In Der Reformationszeit (Schriftenreihe Der Freien Akademie)

Religiöser Pluralismus Und Deutungsmacht In Der Reformationszeit (Schriftenreihe Der Freien Akademie)

Autor : Ulrich Bubenheimer,dieter Fauth,fabian Scheidler,günter Vogler,dieter B. Herrmann,alejandro Zorzin,günter Bubenheimer
Geschlecht : Bücher, Fachbücher, Geisteswissenschaften,
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Religiöser Pluralismus Und Deutungsmacht In Der Reformationszeit (Schriftenreihe Der Freien Akademie)

Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten. ULRICH BUBENHEIMER / DIETER FAUTHEinleitungDieses Buch geht aus einer Tagung hervor. Ihre Teilnehmer sind zum großen Teil Mitglieder der Freien Akademie e. V. (FA) oder fühlen sich ihr verbunden. Diese Vereinigung ist von Menschen gebildet, die zumeist irgendeiner weltanschaulichen oder religiösen Minderheitengruppe angehören. Dabei reicht das Spektrum von atheistischen, säkular-humanistischen, freireligiösen, bis hin zu freikirchlichen Bereichen. Was die Menschen verbindet, ist ihr Minderheitenstatus und die religiöse Toleranz. Angehöriger einer Minderheit zu sein, bedeutete schon immer und auch heute, unter einem erhöhten Rechtfertigungsdruck zu stehen, wenn die eigenen Überzeugungen zur Debatte stehen. Dies ist nur ein Beispiel dafür, unter welchen spezifischen Blicken mit den Beiträgen der Tagung bzw. dieses Buches auf die Reformationszeit geblickt wird. Beim Eröffnungsforum der Tagung gingen die Versammelten der Frage nach, wer denn mit welcher Legitimation in der Reformationszeit (1517–1555) die Macht beanspruchte, religiöse Texte und religiöse Handlungen autoritativ zu interpretieren. Daraus ergibt sich die weitere Frage, wie Personen wahrgenommen wurden und werden, die sich solchen Ansprüchen nicht unterwerfen wollten. Das Bedürfnis nach Subjektivität im Bereich der Religiosität war auch im 16. Jahrhundert vorhanden. Doch war hierfür der öffentliche Spielraum nach der Festlegung der Gläubigen auf eine bestimmte „Konfession“ während der Reformationszeit enger als davor im Mittelalter. Das lag unter anderem an der auf Kontroverse angelegten Gesamtlage der Zeit. Durch den reformatorischen Druck wurde auch im altgläubigen (Begriff für die Zeit vor 1555) bzw. im katholischen Bereich eine Einengung provoziert, die sich schließlich im 19. Jahrhundert im Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes ballte. Seit dem Spätmittelalter haben eine derartige Einengung vor allem die Dominikaner betrieben, die auch die heftigsten Gegner von Martin Luther (1483–1546) waren. Die Geschichte der protestantischen Kirchen war von Anfang an von Intoleranz gegenüber „Abweichlern“ geprägt mit der Folge, dass die evangelischen Amtskirchen bis heute aufs Ganze gesehen unter einem Pluralismusdefizit leiden. Freilich sind immer die einzelnen Amtsträger individuell zu betrachten. Doch veranschaulichen „die evangelischen Amtskirchen“ bis heute die These von Ernst Troeltsch, dass dissidente protestantische Bewegungen mehr in die Moderne führten und führen als die lutherische Konfession. Die Diskussion über all diese Sichtweisen zeigte deutlich ein Interesse der Versammelten auch an der Bedeutsamkeit des historischen Geschehens für unsere heutige Gesellschaft, die labil und fragil zwischen dem Postulat radikaler Offenheit und den Rufen nach Minimalkonsens und Leitkultur schillert. Den Herausgebern ist bewusst, dass in vorliegendem Band ein Beitrag zur systematischen Einordnung der Hauptbegriffe „Deutungsmacht“ und „Pluralismus“ fehlt. Auch ein Beitrag zur katholischen Perspektive auf das Thema kann nicht geboten werden, da kein Autor gefunden werden konnte. Weiterhin findet sich zwar ein Beitrag zur Bedeutung des Judentums für die Reformationszeit. Doch fehlt in dem vorliegenden Buch der Blick auf den Islam. In dieser Zeit dehnte sich der Islam geografisch enorm aus. Konnte er 1453 Konstantinopel (Istanbul) erobern, stand er 1529 zum ersten Mal und 1683 zum zweiten Mal vor Wien. Diese Bedrohung des christlichen Europa durch den Islam band bei den Habsburgern und anderen Fürsten viel Geld und militärische Kräfte, was das Agieren Luthers und der weiteren Reformatoren im Inneren des Reiches erleichterte. So wurde der Islam unbeabsichtigt zu einem Geburtshelfer des Protestantismus. Intellektuell hat sich aber für den Islam im christlichen Abendland des 16. Jahrhunderts kaum jemand interessiert – ganz im Unterschied zum Interesse am Judentum. Einschlägige Ansätze zeigte etwa Sebastian Münster in Basel. Auch gibt es Schriften des 16. Jahrhunderts, die sagen, dass islamische Staatengebilde genau so vorbildlich seien wie z.B. das venezianische Reich.Auch wenn grundlegende Bereiche der Thematik dieses Buches unbearbeitet bleiben, wird mit den Beiträgen dieses Buches doch ein zusammenhängender Komplex beleuchtet. Alle Beiträge zeigen die Reformationszeit als eine Zeit tiefgreifender Umbrüche mit sich daraus ergebenden Chancen gewaltiger Verbesserungen im Leben der Menschen. Es sind Chancen der Emanzipation von Macht, von ökonomischer und sozialer Abhängigkeit und von intellektueller Gängelung. Viele dieser Freiheitsbestrebungen, anfänglich von der reformatorischen Bewegung mit getragen, hat die Reformation verraten – oder sie wurden blutig niedergeschlagen. Aber sie blieben immer drängend. In (Vor)-Pietismus und Aufklärung wurden sie wieder aufgegriffen. Und heute sind damalige Bemühungen Teile demokratisch-rechtsstaatlicher Ordnung geworden. Freilich muss auch noch heute Tag für Tag für Werte, um die in der Reformationszeit gestritten wurde, gerungen werden: für die ökonomische Autonomie jedes Einzelnen und jeder Gemeinschaft; für soziale Gerechtigkeit; für die Unabhängigkeit der Wissenschaften und den Raum für unbegrenzte intellektuelle Freiheit; für Meinungs-, Gewissens- und Glaubensfreiheit. Insofern bieten die hier vorgelegten Beiträge zur Reformationszeit durchaus auch aktuelle Bezüge.